Technological achievement. Beautiful fair-haired pre-teen girl standing near a human robot, shaking its hand as if checking its flexibility while her friends looking at her in the background

Nachbericht: „Den digitalen Gender-Gap schließen: Empowerment von Mädchen und jungen Frauen“

Im Rahmen der Tagung der grünen Bundestagsfraktion „Digital Natives? Aufwachsen in der vernetzten Welt“ am 8. November ging es auch um die Frage, wie mehr Mädchen für Informatik begeistert und zu aktiven Gestalterinnen der Digitalisierung werden können. Dazu haben wir Prof. Dr. Ira Diethelm eingeladen, die an der Universität Oldenburg Didaktik der Informatik lehrt.

Schaut man sich die Zahlen der Studienanfängerinnen in verschiedenen Fächern im Zeitverlauf an, so sieht man im Fach Informatik ab Mitte der 80er Jahre einen Einbruch. Auf der Grafik, die Ira Diethelm zeigte, konnten die Teilnehmenden deutlich erkennen, dass während Fächer wie Medizin, Jura und Physik weiter Zuwächse bei Studentinnen verzeichnen konnten, die Anzahl der eingeschriebenen Frauen im Fach Informatik seitdem kontinuierlich zurückging. Der Grund: Mitte der 80er Jahre kamen die ersten Computer für zu Hause auf den Markt und die Werbung richtete sich ausschließlich an Männer und Jungen. Bis heute hält sich dieses männliche Image von Informatik hartnäckig.

Vor diesem Hintergrund mag es dann viele auch nicht verwundern, dass sich Jungen im Umgang mit digitalen Medien deutlich besser einschätzen als Mädchen, wie die gerade im November erschienene ICILS Studie zeigt. Schaut man sich jedoch die tatsächlichen Kenntnisse an, die ebenfalls in der Studie getestet wurden, zeigt sich: Mädchen sind besser als Jungen wenn es um computer- und informationsbezogene Kompetenzen geht. Wie kann es also sein, dass sich Mädchen trotzdem schlechter einschätzen?

Spätestens hier kommen Schule und Elternhaus ins Spiel. Während 46 Prozent der Jungen in ihrer Kindheit mit Computern spielen, sind es bei Mädchen nur 22 Prozent. Auch die Erwartungen der Eltern an den Karriereweg ihrer Kinder unterscheiden sich deutlich. In Deutschland erwarten fast 40 Prozent der Eltern, dass ihr Sohn später in einem MINT-Beruf arbeitet. Von ihrer Tochter gehen nur 15 Prozent davon aus, dass sie sich für einen solchen Beruf entscheidet. Ob bewusst oder unbewusst werden also von den Eltern vorherrschende Geschlechterstereotype verstärkt.

Einen Grund für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern im Bereich Informatik, sieht Ira Diethelm auch im fehlenden Feedback in der Schule. Eine Befragung unter Schülerinnen und Schülern zeigte, dass ein Drittel der Mädchen und Jungen nicht wissen, wie ihr Lehrer oder ihre Lehrerin ihre Informatikkenntnisse einschätzt, obwohl sie entsprechenden Unterricht hatten. Nur 9 Prozent der Mädchen gaben an, dass ihr Lehrer sagt, dass sie gut in Informatik und Technik seien. Bei den Jungen waren es 26 Prozent. All diese Ergebnisse zeigen: Mädchen sind zwar besser in Informatik, aber es sagt ihnen keiner. Und genau da müssen wir ansetzen.

Damit sich mehr Mädchen für Informatik begeistern und später entsprechende Studienfächer wählen und Berufe ergreifen, muss es einen gleichberechtigten Zugang zur Informatik geben und strukturiertes, objektives Feedback zu den Leistungen über die gesamte Schullaufbahn hinweg. Das erreicht man am besten über ein Pflichtfach Informatik. Gleichzeitig wird Eltern so die Möglichkeit genommen, Mädchen von Technik fernzuhalten. Das wäre ein wichtiger Schritt zur Überwindung der alten Geschlechterstereotype.

Grundlage des Informatik-Unterrichts sollte das sogenannte Dagstuhl-Dreieck bilden, das die Gesellschaft für Informatik entwickelt hat. Ziel ist dabei das Verstehen und selbstbestimmte Gestalten der digital vernetzten Welt. Neben der anwendungsorientierten Perspektive (Wie nutze ich das?), wird auch die gesellschaftliche Perspektive (Wie wirkt das?) und vor allem auch die technologische Perspektive (Wie funktioniert das?) gleichermaßen in den Blick genommen.

Gleichzeitig müssen die Lehrkräfte so aus- und fortgebildet werden, dass sie bei Jungen und Mädchen gleichermaßen das Interesse an Informatik wecken und ihre Kompetenzen erkennen und gezielt fördern und ausbauen können. Das ist leider gerade im Technik- und Informatikbereich häufig noch nicht der Fall. Wichtig sind hier auch weibliche Vorbilder, an denen sich Mädchen orientieren können und so auch Berührungsängste mit der Informatik verlieren. Öffentliche Kampagnen, die sich gezielt an Mädchen und junge Frauen richten, sollten diese Bemühungen flankieren und deutlich machen, dass die digitale Zukunft viel mehr auch von Frauen gestaltet werden muss, um zum Erfolg zu werden.